Die richtige Würze

Der Unternehmer Rudolf Bühler hatte ein Problem: Für die Herstellung von Qualitätsprodukten wie seinen „Echt Hällischen“ Wurstspezialitäten benötigte er hochwertige exotische Gewürze, die auf dem deutschen Markt nur schwer zu bekommen waren.

Auf Sansibar wurde er fündig: Mithilfe der DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH konnte er Partner für den Anbau, die Verarbeitung und die Zertifizierung von Bio-Gewürzen gewinnen. Die DEG unterstützte Bühler durch das develoPPP.de-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

1997 gründete Bühler gemeinsam mit vier anderen Bauern Ecoland, eine weltweit tätige Vereinigung für die Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft. Ein Themenfeld umfasst dabei die Erzeugung ökologischer Gewürze – das Ziel der Ecoland Herbs & Spices GmbH ist es, Kräuter von außergewöhnlicher Qualität anbieten zu können.

„Unsere Zielgruppe ist der moderne, aufgeklärte Verbraucher, der auch aus gesundheitlichen Gründen nach hochwertigen, ökologisch und fair erzeugten Produkten fragt“, erklärt Bühler.

Um die steigende Nachfrage der immer anspruchsvolleren Kunden bedienen zu können, müssen ökologisch produzierte Würzmischungen in großen Mengen zur Verfügung stehen.

Doch besonders exotische Gewürze sind auf dem deutschen und auch dem europäischen Markt schwer zu finden; Pflanzen wie Nelken und Pfeffer wachsen vornehmlich in den Ländern des globalen Südens. Einen Anbau nach ökologischen Kriterien, geschweige denn ein entsprechendes Kontrollsystem, gibt es dort kaum. Eine Lösung musste her.

Dass der Anbau von Gewürzen auf Sansibar eine lange Tradition hat, erfuhr Bühler von einem ehemaligen Praktikanten. Ramadan Othman hatte dem Mittelständler in Wolpertshausen vom Potenzial der Insel erzählt: Bis Ende der 60er Jahre war Sansibar berühmt für seine Gewürznelken; der Anbau deckte 90 Prozent des weltweiten Bedarfs. Doch nach der Unabhängigkeit von Tansania wurden viele Plantagen verstaatlicht.

Heute beträgt der Anteil am Weltmarkt weniger als 10 Prozent. „Die Ernte der Farmer auf Sansibar ist qualitativ also sehr hoch“, sagt Othman, „sie haben bloß keinen Marktzugang. Wir dachten: Wenn wir ihnen helfen, können sie in den deutschen Markt einsteigen und ihre Situation verbessern – und wir bekommen im Gegenzug ihre hochwertigen Gewürze.“

Auf Sansibar wird alles per Hand geerntet; moderne Landwirtschaft hat nie Einzug gehalten – beste Voraussetzungen für die Einführung einer Bio-Zertifizierung, die zugleich das Potenzial hat, den Lebensstandard der Kleinbauern zu verbessern.

Denn bislang leben sie überwiegend in Subsistenzwirtschaft und erzielen nur ein kleines Einkommen aus dem Verkauf ihrer Gewürze. „Die Kleinbauernfamilien sind abhängig von Mittelsmännern und werden oft um ihre Ernte betrogen“, schildert Bühler die Situation.

Schnell war der Landwirt von der Idee überzeugt, die Gewürze aus Sansibar zu beziehen. Doch wie mit den lokalen Kleinbauern und -bäuerinnen in Kontakt kommen, wie eine biologische Zertifizierung nach EU-Richtlinien sicherstellen?

Bühler entschied sich für eine Entwicklungspartnerschaft mit der DEG, die über das develoPPP.de-Programm ermöglicht wird. Gemeinsam konnten die Partner auch die lokale Organisation Zanzibar Organic Spices Growers (ZOSG) mit ins Boot holen: Sie verschaffte Bühler & Co. direkten Kontakt zu Sansibars kleinbäuerlichen Familien, die unter ihrem Dach organisiert sind.

Als ökologische Bauernkooperative war die ZOSG schon länger im biologischen Anbau tätig – eine gute Grundlage, um EU-Standards zu erreichen. Innerhalb von drei Jahren gelang es Bühler, gemeinsam mit dem sansibarischen Partner und der DEG eine Ökozertifizierung nach EU-Richtlinien für den Gewürzanbau auf der afrikanischen Insel einzuführen.

Die Farmer halten sich an die Bioregeln, dafür gibt Bühler ihnen eine Abnahmegarantie. „Statt Almosen bekommen meine Partner gute Preise. Das ist echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, so Bühler.

Um die Bio-Qualität der Gewürze sicherzustellen, wurde eine Öko-Zertifizierungsstelle beim örtlichen Landwirtschaftsministerium eingerichtet. Dort ist Ramadan Othman inzwischen für die Zertifizierungen zuständig.

21 Betriebe haben bereits Ökostatus erlangt und sich Bühlers Erzeugergemeinschaft angeschlossen. Neun weitere Mitglieder haben die Bio-Zertifizierung in die Wege geleitet.

Foum Ali Garu ist der Chef der Zanzibar Organic Spice Growers. Früher machte es für den Preis keinen Unterschied, ob die Gewürze biologisch angebaut wurden oder nicht, erzählt er. Heute ist das anders: „Dank Ecoland haben wir nun Zugang zu einem Markt, auf dem Verbraucher explizit organische Produkte nachfragen. Dadurch erzielen wir deutlich höhere Preise.“

Um die 50 Prozent mehr Einkommen bringt der Zugang zum europäischen Markt. Viele der kleinbäuerlichen Familien können nun besser für wichtige Ausgaben wie etwa das Schulgeld ihrer Kinder aufkommen. „Das Gewürzprojekt auf Sansibar verbindet auf ideale Weise entwicklungspolitische Wirkungen mit unternehmerischem Interesse“, schließt Peter Peters, develoPPP.de-Programmkoordinator bei der DEG.

Auf regelmäßigen Informationsveranstaltungen wurden die Mitglieder der neuen Erzeugergemeinschaft von deutschen Fachkräften in ökologischen Anbaumethoden geschult. Auch zwei lokale Feldberater wurden qualifiziert, die die Bäuerinnen und Bauern beim Erlangen der Zertifizierung sowie dem Einhalten der Standards unterstützen.

Um die langfristige Verankerung des ökologischen Fachwissens in der Gegend zu sichern, bauten die Partner zudem Beziehungen zum Kizimbani Agricultural Training Institute (KATI) auf, dem einzigen seiner Art auf Sansibar. Es führt die Ausbildungen weiterer Feldberater durch und schult in den Bereichen Ökologischer Landbau, Qualitätssicherung, Vermarktung und Zertifizierung.

Damit die nach der Ernte anfallende Arbeit effizienter vonstatten geht, richteten Ecoland und DEG ein Verarbeitungszentrum ein, in dem die Qualität der Gewürze nochmals überprüft und diese dann für den Versand vorbereitet werden. Das Zentrum beinhaltet Lagerhallen, ein Büro sowie ein Labor. Auch ein mobiler Solartrockner zum Nachtrocknen der Gewürze wurde aufgebaut.

Die Projekt-Maßnahmen zeigen Wirkung: „Heute gibt es sogar einen Wettbewerb zwischen den Bauern“, freut sich Foum Ali Garu. „Jeder will die beste Qualität liefern.“

Tonnen von Nelken, Zimt und Vanille aus Sansibar erreichen nun mehrmals im Jahr den Betrieb in Wolpertshausen. Als „Seeds of Hope“, Samen der Hoffnung, werden die Gewürze im deutschen Einzelhandel verkauft.

Landwirt Bühler weiß, dass das keinesfalls selbstverständlich ist: „Ohne develoPPP.de wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Wir verfügen über begrenzte Mittel; die Einrichtung von Qualitätssystemen, Schulungen und Beratungen übersteigt eigentlich unsere Möglichkeiten. Dank der Förderung durch develoPPP.de konnten wir sie trotzdem realisieren.“

Der besondere Geschmack und die Hochwertigkeit der „Echt Hällischen“ Wurstspezialitäten ist gesichert – Bühler ist zufrieden: „Wir erhalten hervorragende Naturgewürze von einer Qualität, die es hier sonst nicht auf dem Markt gibt. Und wir können eine Geschichte mit diesen Erzeugnissen erzählen. Dadurch positionieren wir uns noch besser im Premiumsegment am Markt.“

Auch auf Sansibar ist die Stimmung gut – die Erzeugergemeinschaft rund um Foum Ali Garu schmiedet bereits neue Pläne: Momentan bereiten sich die Gewürzspezialisten auf eine Zertifizierung nach Demeter-Kriterien vor, die zu den strengsten der Welt gehören.

Zahlen | Daten | Fakten

0
Betriebe
haben Ökostatus erlangt.

Einkommen

Das Einkommen der Biobauern und -bäuerinnen hat sich um 50 % erhöht.

Zertifizierung

Es wurde ein Verarbeitungszentrum zur Qualitätssicherung und für den Export eingerichtet.